zum 15. Sonntag im Jahreskreis - C über die 2. Lesung: Kol 1,15-20
Thema: "Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in Christus wohnen"
Vor Jahren las ich in einem Leserbrief in der Tageszeitung: Es sei höchste Zeit, dass die Kirche endlich etwas moderner würde und mit der Behauptung aufhörte, Jesus sei mehr als ein edler Mensch gewesen.
Das ist genauso sinnig wie der Satz: "Selbstmord ist modern wer künftig als modern gelten will, muss sich heute eine Kugel durch den Kopf schießen"! - Was für ein Rad die Nabe, ist für die Kirche die Überzeugung: Jesus ist der Christus, der Messias, "Gott von Gott und Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, eines Wesens mit dem Vater." Die Kirche ist die Gemeinschaft derer, die dies bekennen. Ohne diesen Glauben gibt es keine Kirche, so wenig wie ohne Mittelpunkt einen Kreis. Wenn die Kirche diesen Satz abschafft, hat sie sich selbst aufgelöst. Was man ja wohl nicht ernsthaft von ihr erwarten kann!
Es mag ein Mensch diese ihre Auffassung nicht teilen. Dann gehört er praktisch nicht zur Kirche. Muss er ja auch nicht!
Nun gut, bevor wir uns über andere Leute den Kopf zerbrechen, bleiben wir erst einmal bei uns:
Ich mache jetzt eine Pause. In der kann sich jeder von uns selber die Frage beantworten: "Wer ist Jesus in meinen Augen?"
Aber bitte: Geben Sie sich jetzt nicht bloß als Antwort, was Sie einmal in der Schule gelernt haben. Zum Beispiel "der Sohn Gottes". Das kann nämlich viel zu wenig sein - so wurde im alten Israel jeder König bezeichnet!
Nein, was sagen Sie ganz persönlich von sich aus: Welche Bedeutung hat Jesus für Sie - welche Bedeutung hat er in Ihren Augen für die ganze Welt?
- - -
Wir, die wir hier sind, sind Christen und wollen es sein (ich gehe einmal davon aus). Wir sind Christen, insofern wir auf der Linie des Neuen Testamentes liegen.
Was sagt das Neue Testament über Jesus?
Nehmen wir ein urchristliches Kirchenlied, das im Kolosserbrief zitiert wird und die heutige Lesung bildet. Gehen wir von dem aus, was wir tagtäglich vor Augen haben: die Schöpfung, von der wir ein Teil sind, deren Wachsen und Gedeihen wir erleben, deren Früchte wir zur Zeit ernten; die Schöpfung, die auch immerzu vergeht, in der immer wieder etwas neu anfängt, die auch selber irgendwann angefangen hat.
a) Was war vorher? Wer ist vor der Schöpfung? - Antwort: Gott.
b) Woher kommt sie? Wer ist der Ursprung, aus dem, aus dessen Willen alles kommt? Durch wen wurde alles erschaffen? - Antwort: Durch Gott.
c) Durch wessen Willen besteht alles "in wem hat alles Bestand?" - Antwort: In Gott.
d) Wohin entwickelt sich alles? Was ist für uns Geschöpfe das Ziel? Auf wen hin ist alles geschaffen? - Antwort: Auf Gott hin.
e) Wer steht also über allem? Ist das Haupt, das Oberhaupt der ganzen Welt? Wer hat in allem den Vorrang? - Antwort: Gott.
Alles klar. - Nun heißt es in der Lesung:
a) Christus ist vor aller Schöpfung.
b) Christus ist der Ursprung; in ihm, durch ihn ist alles geschaffen und
c) alles hat in ihm Bestand. d)
d) Auf ihn hin ist alles geschaffen.
e) Christus ist das Haupt; er hat in allem den Vorrang.
- - - Was geschieht hier? Hier wird von Christus gesprochen wie von Gott. Das heißt: Alles was ich von Gott sagen kann, passt auch auf Christus.
Nun kann man zwar von meinem Bruder manches sagen, das auch auf mich passt, z.B. dass wir beide mit Nachnamen Niedenzu heißen. Aber längst
nicht alles, was bei mir festgestellt werden kann, trifft auch auf meinen Bruder zu. Warum nicht? Weil er er ist und ich bin ich. Er ist nicht mein Ebenbild und ich bin nicht seines. Wenn er in den Spiegel schaut, sieht er sich, und wenn ich hineingucke, erblicke ich mich
Von Christus wird hier aber das gleiche ausgesagt wie von Gott. Das geht deshalb, weil eben nicht mehr einfach Gott Gott ist und Christus ist Christus, sondern weil Christus Gott ist und Gott ist Christus.
Und Christus, das ist dieser Mensch Jesus aus Nazareth.
Sicher, es handelt sich um diesen einen Menschen aus Nazareth, einen Menschen wie du und ich. Und von diesem ganz normalen Menschen kann gesagt werden: Gott war und ist dieser Mensch - in diesem Menschen war Gott da, auf dieser Erde, mitten unter uns Erdbewohnern.
Und zwar wirklich Gott, Gott ganz und gar. Nicht nur ein Stück von Gott, nicht eine verkürzte Ausgabe von Gott. Ich fürchte nämlich, wenn so einfach gesagt wird "Jesus ist der Sohn Gottes", dass damit gemeint wird, Jesus war ein "göttliches Wesen", ein Übermensch, aber Gott mit seiner ganzen Göttlichkeit, mit seiner ganzen Fülle blieb doch in seinem Himmel, wollte sich nicht so weit erniedrigen.
Nein, sagt der Kolosserbrief, "Christus ist das Ebenbild, die sichtbare Seite, des unsichtbaren Gottes; denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm sein, in ihm wohnen"; in Jesus Christus finden wir den ganzen Gott!
Da ist also ein Mensch, "geboren von Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben": einer von uns - nein, weniger als wir; wir werden nicht gekreuzigt; gekreuzigt wird einer, der zum Abschaum der Menschheit gehört; das sind wir nicht. Also gut: ein Mensch, gerade noch ein Mensch (vielleicht). - Was ein Mensch ist, wissen wir.
Auf der anderen Seite: Gott, "Gott mit seiner ganzen Fülle". Was Gott ist, was "Gott in seiner ganzen Fülle" ist, wissen wir nicht, können wir uns nicht vorstellen. Wir können uns ja nicht einmal das unendliche Weltall vorstellen; und was ist das schon gegenüber dem unendlichen Gott?!
Der Mensch im Verhältnis zu Gott: wie ein Punkt im unendlichen Weltraum (und das ist noch ein schwacher Vergleich). Und nun: die ganze göttliche Grenzenlosigkeit, ohne Abstrich, anwesend in dem einen Punkt, dem Menschen Jesus von Nazareth:!
Wenn es heute Abend im Wetterbericht heißt: "Morgen wird es 30 Grad warm", dann weiß ich, was das heißt; ich weiß, wie das ist, wenn es 30 Grad hat; der ganze Inhalt dieses Satzes ist mir nachvollziehbar.
Wenn es aber nachher in der Lesung heißt: "Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in Jesus Christus wohnen"; und wenn ich dann noch die Fortsetzung dazu nehme: "Wie in Jesus Christus, so wohnt Gott mit seiner ganzen Fülle in Brot und Wein der Eucharistie": dann kann ich das nicht mehr nachvollziehen; denn der Inhalt dieses Satzes übersteigt mein geistiges Fassungsvermögen. Das streikt ja schon, wenn ich nur von ferne anfange, Gott zu denken.
Ich frage mich natürlich: Wie kommt einer dazu, einen solchen Satz zu schreiben? Wie kommen die Christen auf diese Idee? Ich stelle fest: Nicht von selber. Sondern diese Wahrheit stand unausweichlich vor ihnen, seit sie Jesus erkannt hatten als den Auferstandenen, als "den Erstgeborenen von den Toten."
Dann ist also von Anfang an die Mitte des christlichen Glaubens ein Satz, den niemand fassen, erfassen, mit seinem Denken umfassen, in den Griff kriegen kann.
Und ich verdenke es keinem, der hier passt: "Tut mir leid, aber da kann ich nicht mit." Ich komme ja auch nicht mit. Die Spannung, die in diesem Satz liegt, "Gott in Jesus - Gott in Brot und Wein", diese Spannung, unaufhebbar, unüberbrückbar, unendlich wie Gott selbst: mich wundert's, dass sie mich noch nicht zerrissen hat.
Ich glaube an etwas, das ich nicht fasse.
- Und? Ist Gott denn gebunden an die Fassungskraft meines kleinen menschlichen Gehirns, bzw. Herzens?
Nein, ich fasse ihn nicht, werde ihm nie gerecht; wiewohl ich es möchte, kann ich ihn nie ernst genug nehmen.
- Wenn er es so gutsein läßt?! Wenn es ihm reicht, ich nehme ernst, was er sagt, nämlich durch den Mund Jesu Christi, z.B. nachher im Gleichnis vom barmherzigen Samariter: "Geh und handle genauso": so wie der Samariter an seinem jüdischen Erzfeind.
Geht das? Jesus meint nicht, dass es leicht sei, aber möglich. Und das ist jetzt nicht die Meinung eines x-beliebigen Menschen, sondern die Gottes: wenn "Gott mit seiner ganzen Fülle in Jesus Christus wohnte". - Will ich es besser wissen als Gott?!






